Erfahrungsbericht Matthias Adolph

Zwei Wochen in Sibirien

Im August 2015 war ich mit einer kleinen Gruppe von Studenten im tiefsten Sibirien unterwegs. Sie fragen sich, warum man dort hin reist? Nun, durch eine Kooperation mit der Universität von Kemerowo erhielten wir die Gelegenheit Russland jenseits der Medienberichte oder der touristischen Pfade kennen zu lernen. Andere mögliche Reiseziele wie Island oder die Alpen waren zwar auch reizvoll, aber ich sagte mir: „Geh dorthin, wo du von alleine nie hinreisen würdest“. Trotz diverser Seminare zu landesbezogenen Themen und eines Professors, der Russland über alles liebte und dafür warb, es einmal außerhalb der eurozentrischen Sichtweise zu betrachten, war ich mehr als kritisch. Als dann die Reise 200 Kilometer östlich von Novosibirsk begann, sah ich mich zuerst in meinen Vorurteilen bestätigt: Zahlreiche Hinweise auf den Sieg im zweiten Weltkrieg, Plattenbauten und Statuen von Lenin überall. Die Städte Kemerowo, Nowokusnezk und Abakan hatten kaum touristische Highlights zu bieten. Dennoch war der Aufenthalt in den Städten angenehm und ich fühlte mich nie unsicher oder nicht willkommen. Denn was mir sofort auffiel und nicht in meine Klischeevorstellung passte, war die Offenheit und das ernsthafte Interesse der Menschen, das ich so, gerade gegenüber Deutschen,  nicht erwartet hätte. Nach der fast obligatorischen Frage: „Was machst Du denn ausgerechnet hier (wo Du doch an jeden anderen Ort der Welt hättest reisen können)?“, hatten unsere Dolmetscher viel zu tun, da man schnell ins – oft selbstkritische – Gespräch kam. Wirklich umstimmen konnte mich dann die zweite Woche mit den Touren in die unberührte Natur. Die unendlich scheinende Weite kannte ich so bisher nur aus Kanada. Der unglaublich breite Strom Jenissej, ein Gletscher mit glasklaren Bergseen bei 30 Grad in Priiskovy und bewachsene Wasserfälle. Überall gab es Aussichten oder Naturschauspiele, die sich gegenseitig übertrafen – und das ohne andere Touristen in der Umgebung. Neben der Natur überzeugte mich auch das konstant gute Essen. Egal ob Borschtsch von einer russischen Oma, Pierogi vom Straßenrand, edler Kaviar oder Obst und Gemüse von lokalen Kleinbauern. Vor allem die Suppen und Eintöpfe wie Soljanka, Okroschka oder Schtschi haben es mir angetan – ganz wichtig, immer mit einem Schlag Smetana!

Die Orte, die ich bereist habe, werden mit der Weltmeisterschaft zwar nicht viel zu tun haben, aber es geht um etwas ganz anderes: Man sollte vor allem dem spannenden historischen Erbe, der atemberaubenden Natur und den Menschen in Russland eine Chance geben – fernab von allen politischen Ansichten. In den WM-Städten sind modernste Fußballtempel entstanden und auch touristisch haben sie deutlich mehr Highlights zu bieten, als die Städte, die ich bereist habe. Und wenn dann noch etwas Zeit bleibt, kann ich Ausflüge in das Umland der Großstädte mit unberührter Natur und verschlafenen Dörfern nur empfehlen. Hier finden Sie das wahre Russland, das man einfach nur mögen kann!

90. Breitengrad Schira
Abakan orth. Kirche
Breites Jennisej-Delta
Brücke Birken
Gletscher Prisskove
Kem Kaviar
Kem Schischki
Kem1
Nov Markt Obst1
Schira See 2
Schule Berge
Wasserfall Priiskove 2